Wahrnehmungsorientierte Lichtplanung

Die wahrnehmungsorientierte Lichtplanung betrachtet den Menschen mit seinen Bedürfnissen als aktiven Faktor in der Wahrnehmung und nicht mehr bloß als Empfänger einer visuellen Umgebung. In Anlehnung an das von Richard Kelly (1910-1977) entwickelte Konzept der qualitativen Lichtplanung verstehen wir unsere Aufgabe auch in der Analyse, welchen Stellenwert einzelne Bereiche und Funktionen haben. Auf der Grundlage dieses Bedeutungsmusters ist es möglich, die Beleuchtung als dritten Faktor zu planen und angemessen zu gestalten. Dies erfordert qualitative Kriterien und ein entsprechendes Vokabular. Damit lassen sich sowohl die Anforderungen an eine Beleuchtungsanlage beschreiben als auch die Funktionen des Lichts.

Licht zum Sehen


Abb.: ERCO

Die erste und grundlegende Form des Lichts wird als "Licht zum Sehen" bezeichnet. Dieses Element sorgt für eine allgemeine Beleuchtung der Umgebung, es stellte sicher, dass der umgebende Raum, seine Objekte und die Menschen darin sichtbar sind. Diese Form der Beleuchtung, die für eine allgemeine Orientierungs- und Handlungsmöglichkeit sorgt, deckt sich durch ihre umfassende und gleichmäßige Ausrichtung weitgehend mit den Vorstellungen der quantitativen Lichtplanung. Anders als dort ist Licht zum Sehen aber nicht Ziel, sondern lediglich Grundlage einer weitergehenden Lichtplanung. Angestrebt wird keine Pauschalbeleuchtung einer vermeintlich optimalen Beleuchtungsstärke, sondern eine differenzierte Beleuchtung, die auf dem Grundniveau des ambient light aufbaut.

 

Licht zum Hinsehen


Abb.: ERCO

Um zu einer Differenzierung zu gelangen, unterscheiden wir eine zweite Form des Lichts, das "Licht zum Hinsehen". Hier erhält Licht zum ersten Mal ausdrücklich die Aufgabe, aktiv bei der Vermittlung von Information mitzuwirken. Berücksichtigt wird dabei die Tatsache, dass hell beleuchtete Bereiche unwillkürlich die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich ziehen. Eine geeignete Helligkeitsverteilung ermöglicht, die Informationsfülle einer Umgebung zu ordnen. Bereiche wesentlicher Information lassen sich durch eine betonte Beleuchtung hervorheben, zweitrangige oder störende Informationen dagegen durch ein geringeres Beleuchtungsniveau zurücknehmen. Dies erleichtert eine schnelle und sichere Information. Die visuelle Umgebung wird in ihren Strukturen und in der Bedeutung ihrer Objekte erkannt. Dies gilt gleichermaßen für die Orientierung im Raum - z.B. die rasche Unterscheidung zwischen einem Haupt- und einem Nebeneingang - wie für die Betonung von Objekten, etwa der Akzentuierung von Einrichtungs- oder Architekturelementen, aber auch der Inszenierung von Tischen in der Gastronomie, die dem Gast auch in einem ansonsten großen Raum das Gefühl von Intimität und Vertrautheit vermittelt.

 

Licht zum Ansehen


Abb.: ERCO

Die dritte Form des Lichts, das "Licht zum Ansehen", ergibt sich aus der Erkenntnis, dass Licht nicht nur auf Informationen hinweisen kann, sondern selbst eine Information darstellt. Dies gilt vor allem für Brillanzeffekte, die Punktlichtquellen auf spiegelnden oder lichtbrechenden Materialien hervorrufen. Als brillant kann aber auch die Lichtquelle selbst empfunden werden. Vor allem repräsentativen Räumen verleiht "Licht zum Ansehen" Leben und Stimmung. Was traditionell seit je her durch Kronleuchter und Kerzenflammen bewirkt wurde, lässt sich auch in einer modernen Lichtplanung durch den gezielten Einsatz von dekorativen Leuchten erreichen. Im Kontext mit den zuvor genannten Bestandteilen der Grammatik des Lichtes, dem Licht zum Sehen und dem Licht zum Hinsehen, muss eine attraktiv gestaltete Leuchte nicht mehr zur allgemeinen Beleuchtung beitragen, sondern darf für sich alleine in aller Schönheit wirken und zur Raumgestaltung als das Licht zum Ansehen beitragen.